untreue

Untreue? Aber das war doch nur ein Online-Kontakt?!

Willkommen in der Untreue – Grauzone im 21. Jahrhundert: Die verschiedensten Online-Medien haben das Internet zu einem harten Brocken für klassische Monogamie-Definitionen werden lassen.
Robert Weiss, Senior Vize-Präsident des National Clinical Development for Elements Behavioral Health beschreibt in seinem Artikel in Psychology Today, was bei vielen Paaren los ist.
Während der eine Partner sein Internet-Webcam-Kommunikationsverhalten als völlig normal einstufe, reagiere der andere emotional verletzt und fühle sich durch Cybersex hintergangen. Aber solange beide noch nicht geklärt haben, welche Definition von Untreue und Fremdgehen sie tatsächlich teilen würden, bliebe alles beim Alten. Inklusive Missverständnissen und Misstrauen.

Untreue oder nicht?

Die folgenden Beispiele zeigen, dass Fremdgehen oft eine Frage der Definition ist. Zumal es in ihnen nicht einmal um einen persönlich-realen Kontakt, sondern lediglich um eine virtuelle Kontaktaufnahme handelt.

Da ist James, der mit diversen Frauen chattet, ab und an Facetime nutzt und Spaß an Webcam-Sex hat.
Als seine Frau dies herausfindet, ihn der Untreue bezichtigt und sich scheiden lassen will, wenn er nicht sofort aufhört, entgegnet er verblüfft: „Ich habe mich nie mit einer dieser Frauen getroffen und das werde ich auch nie. Es ist nur ein Spiel, das ich spiele, wenn mir langweilig ist.“

Ella hat mit einem ehemaligen Partner, in den sie zu High-School-Zeiten sehr verliebt war, auf Facebook und Instagram kommuniziert. Ihr Ehemann reagiert ärgerlich darauf und will, dass sie damit aufhört.
Woraufhin sie beteuert, dass sie nichts weiter tue, als mit einem alten Freund zu schreiben. Außerdem habe ihr Mann mit entsprechenden Gesprächen zwischen ihr und anderen Freunden ja keine Probleme. Wieso dann an dieser Stelle?

Darf es noch ein weitergehender Eindruck sein?

Michael schaut über ein Jahr lang mehrere Nächte die Woche Pornos und spielt Online-Sexspiele – erzählt seiner Frau aber, dass er nur mit seinen Freunden zocke.
Als sie ihn eines Tages beim Porno-Gucken erwischt und seinen Browserverlauf checkt, bekommt sie einen Eindruck davon, was er unter „Zocken“ versteht. Daraufhin ist sie deprimiert und fühlt sich betrogen, doch er versteht sie nicht: „Jeder Kerl nutzt Pornos? Wo ist das Problem?“

Alicia verbringt viel Zeit damit, mit einem anderen Business-Mann zu chatten, den sie während einer Konferenz kennen gelernt hat. Zunächst ging es nur um berufsinterne Infos und augenzwinkernde Witze. Im Laufe der Zeit kamen aber immer mehr intime Details über ihre Ehen und Beziehungsprobleme dazu. Manchmal sprechen beide darüber, wie viel leichter ihre Leben wären, wenn sie beide miteinander verheiratet wären.
Alicias Mann wirft ihr vor, eine Affäre zu führen, als er entsprechende Nachrichten liest. Doch sie widerspricht ihm: „Es ist nichts passiert, es ist reine Fantasie.“

Was kannst du daraus ablesen?

Für keine dieser vier Personen spielte das reale sexuelle Fremdgehen außerhalb ihrer Erstbeziehung eine Rolle. Dennoch werden alle von Ihren Partnern des Fremdgehens bezichtigt. Das wirft laut Robert Weiss die Frage auf, ob für Untreue überhaupt ein persönlicher Kontakt notwendig sei. Oder ob bereits Online-Aktivitäten als Betrug durchgingen.

Setzt Untreue wirklich einen Körperkontakt voraus? Was sagen Studien?

Robert Weiss fertigte bereits vor einigen Jahren diesbezüglich eine Studie an: Zusammen mit Jennifer Schneider und Charles Samenow befragte er eine Reihe von Frauen, deren Männer außereheliche Erotik-Kontakte pflegten. Teilweise online, teilweise real.
Das Ergebnis: Beide Verhaltensweisen beeinträchtigten die eigentlich monogamen Beziehungen. Und zwar unabhängig davon, ob es um reale oder virtuelle Kontakte ging. Der emotionale Schmerz, das Gefühl betrogen zu sein und der Verlust des Vertrauens in den Partner waren in ihrem Ausmaß identisch.

Welcher Schluss ergibt sich im Hinblick auf Internet-Kontakte daraus?

Für Robert Weiss ergibt sich aufgrund der Studienergebnisse und mehr als 25 Jahren Berufserfahrung folgende Erkenntnis: Es ist nicht der Sex mit Fremden, der den schwersten Schaden verursacht. Es ist das Lügen, die emotionale Distanz, der Verlust der Intimität und der Vertrauensbruch.
Kurz gesagt: Untreue ist laut ihm der Vertrauensbruch, der entsteht, wenn intime Geheimnisse nicht mit dem „Hauptpartner“ geteilt werden.
Dabei geht es gar nicht konkret um Affären, Pornos, Stripclubs oder Dating-Apps. Sondern eben um die emotionale Distanz.

Der Vorteil bei dieser Definition: Sie gilt gleichermaßen für die reale und die virtuelle Welt. Natürlich nimmt jedes Paar seine eigene Abstufung vor und definiert sexuelle Treue individuell für sich selbst.
Aber sehr häufig kommen Paare eben doch dabei heraus, dass emotionale Ehrlichkeit eine der wichtigsten Beziehungsgrundlagen ist. Und wenn ein Partner den anderen in dieser Hinsicht erst einmal ins Zweifeln gebracht hat, dauert es meist sehr lange, bis das Vertrauen wiederhergestellt ist …

Modelbild von Colourbox.com

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